Von Geschwistern und anderen Teufelchen

Was ist der größte Unterschied zwischen Geschwister- und Einzelkindern – ganz klar: Futterneid!!! Ein Geschwisterkind ist mit dem ewigen Gedanken der Konkurrenz groß geworden. Man wusste, dass es irgendwen im Haushalt gibt, der nicht vor der Schokolade steht und sich denkt: „Oh, das lasse ich mal für die Kleine im Schrank“. Nein, man musste seinen Anteil einfordern und bis aufs Blut verteidigen, sonst ging man in einem schwachen Moment leer aus.

Diese Atmosphäre wurde zur Brutstätte meines inneren Teufelchens. Das fing schon damit an, dass es keinen Einkauf gab, den ich nicht auf verborgene Schätze inspiziert habe. Schließlich hatte ich einen größeren Bruder um mich herum und wenn ich mit der physischen Stärke nicht Punkten konnte, musste ich bereits am Anfang der häuslichen Nahrungskette einsteigen. Ich bot mich an die Taschen zu entleeren, um gleich unbemerkt meine Hand in die ersten offenen Klümpchentüten gleiten zu lassen- ich musste mir schon mal einen kleinen Vorsprung anfuttern. Als Kind habe ich mir übrigens nie die Frage gestellt, warum die Packungen bereits bei der Ankunft in unserem Haus geöffnet waren, als Erwachsener weiß ich natürlich die Antwort, meine Eltern hatten gleich je drei Geschwister – ich denke, bei ihnen hat bereits an der Kasse ihr Teufelchen übernommen.

Solange der Vorrat bei uns noch üppig war, gab es selten Probleme zwischen meinem Bruder und mir, doch wenn langsam ein Ende der fetten Tage abzusehen war, keimten die Teufelchen wieder in uns hoch. Wenn die pure Argumentation versagte, half als letzte Waffe nur noch eins: Ich riss den letzten Keksrestbestand an mich, streckte meine Zunge aus und leckte genüßlich über jeden Einzelnen: „Meeeeins!“.

Doch so sehr das Teufelchen auch seine Heldentaten abfeierte, gab es immer noch eine „objektive“ Instanz bei uns im Haushalt. Während ich und mein kleiner Höllenbewohner uns bei dem Gedanken an die letzte Schokolade schon siegessicher den dicken Bauch rieben, poppte plötzlich eine leuchtende Gestalt mit Flügeln und Nimbus neben mir auf. Komischerweise klang die Gestalt wie meine Mutter mit ihrem ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, die von drei Zimmern Entfernung rief: „Lass auch noch etwas für deinen Bruder übrig!“. Und je häufiger dieses „Gutwesen“ mein Hirn verstrahlte, desto schwerer wurde es meinem Bruder etwas wegzufuttern. Eh man sich versah, saßen wir zusammen auf dem Wohnzimmerboden und zählten die M&Ms ab. „Zwei Rote für dich, zwei Rote für mich, zwei Grüne für dich, zwei Grüne für mich – willst du lieber Gelb oder Braun?“ Natürlich wurde in harten Zeiten immer noch um die letzte Portion gekämpft, aber es war einfach nicht mehr das Gleiche, seitdem mein Teufelchen und ich nicht mehr alleine waren.

Doch Jahrzehnte später im Einklang mit den Spätfolgen dieser antrainierten sozialen Fähigkeiten, fallen mir diese Verse ein:

„Isn’t it ironic, don’t you think […]

Well, life has a funny way of sneaking up on you
When you think everything’s okay and everything’s going right “ (Alanis Morissette)

Denn die Ironie des Schicksals hat mich zusammengebracht mit – na klar einem Einzelkind. In der Vergangenheit meines Mannes gab es niemanden, der ihm das Essen streitig gemacht hat. Alles im Schrank hatte automatisch seinen Namen als Aufschrift. Und wenn ich nun von der Arbeit nach Hause komme und mich auf MEINEN Pudding freue, finde ich nur noch den leeren Becher auf dem Schreibtisch wieder. Da bleibt nur eins: Einmal die Kekspackung aufreißen und mit breiter Zunge drüberschlecken: „MEINS“. – Leg dich niemals mit einem Geschwisterkind an!

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