„Wir essen auch nicht viel Fleisch“

Ich ess‘ Blumen – denn Tiere tun mir leid
Lieber Akazien statt ’nen dicken, fetten Schinken“ (Die Ärzte)

„Wir essen auch nicht viel Fleisch“. Wenn bei diesem Satz jedes Mal ein fleischfreies Sparschwein eines Vegetariers mit einem Euro gefüttert worden wäre, könnten mittlerweile alle Mastbetriebe Europas aufgekauft werden.

Man sitzt gemütlich beim Essen in der Kantine und will sich gerade genüsslich seine aufgewärmte Tofupfanne vom Vortag gönnen, als meinem Tischnachbarn mit dem Nackensteak auf seinem Teller, die „sonderlichen Klümpchen“ in meiner Schale auffallen. „Was ist denn das?“ In diesem Moment zuckt es in mir zusammen. Mein Inneres schwankt zwischen idealistischer Stellungnahme und dem primitiven Instinkt einfach schnell meinen hungrigen Magen zu stillen. Ich entscheide mich für Letzteres. So beiläufig wie möglich schiebe ich mir die erste Gabel in den Mund und nuschel ein unverständliches „Tofu.“ Doch der Trick hat nicht funktioniert. Ich sehe das Blitzen in den Augen meines Gegenübers. „Bist du Vegetarier?“. In diesem Augenblick fange ich an, im Kopf rückwärts zu zählen und ich weiß, dass es mit meiner Essensruhe vorbei ist. „5… 4… 3… 2… 1 …“ – „Also wir essen zu Hause auch nicht viel Fleisch!“

Ich habe bis heute noch nicht so richtig geblickt, warum 95% aller Gesprächspartner diesen ersten Satz fallen lassen müssen. Vor allem frage ich mich jedes Mal, wer diese Massen an filetierter, gelierter Biomasse zu sich nimmt, die überall in den Supermärkten rumliegen, wenn doch angeblich niemand viel Fleisch isst. „Machst du das aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen?“ Egal wie ich antworte, an diesem Punkt ist die allgemeine Tischkonversation eröffnet und ich blicke sehnsuchtsvoll auf meinen Teller und verabschiede mich gedanklich schon einmal von meinem warmen Essen. Heimlich wünschte ich mir, ich wäre auf einen der 5% getroffen, der zugibt, dass ihm der ganze Vegetarismus auf den Sack geht. Es wäre politisch nicht sonderlich korrekt, dafür irgendwie ehrlich und ich könnte schneller weiteressen.

Stattdessen wird die Gesprächsrunde immer größer. Es wird über den „Metzger des Vertrauens“ geredet und das ja darauf geachtet wird, dass die Tiere vorher noch ein gutes Leben hatten. Es klingt für mich ein wenig wie die Rechtfertigung nach einem Amoklauf im Altenheim. Aber den Teil behalte ich an dieser Stelle jedoch für mich, denn die Hoffnung, mir noch ein paar Bissen in dieser Pause einzuverleiben, ist noch nicht ganz gestorben.

Einige betonen, dass sie doch auch gerne mit dem Fleischessen aufhören würden, wenn es doch nur nicht so verdammt lecker wäre. Ich ertappe mich bei dem Gedanken an ein köstliches Grillhähnchen, wie es langsam im Hühnercolorado seine Runden dreht – ja richtig als Vegetarier hat man es leicht, denn da mag man ja schließlich kein Fleisch. Ich versuche einen unbemerkten Moment zu nutzen, um noch einmal meine Gabel zu füllen, doch da wendet sich die Unterhaltung wieder in meine Richtung und es beginnt das übliche Fragespiel über meine Einstellung zu Leder, Gummibärchen und diesem unverständlichen „Fleischersatz“. Da haben ein paar Leute anscheinend die letzte Galileosendung vom Wochenende gesehen.

So langsam neigt sich die Mittagspause dem Ende zu und es wird ein allgemeines Fazit gezogen. „Also generell könnte man Vegetarier ja schon tolerieren, wenn sie es einem nur nicht immer so penetrant unter die Nase reiben würden“.

Endlich kann ich mich wieder meinem kalt gewordenem Tofu zuwenden – Btw: Ich hasse kalten Tofu! Und beim nächsten Mal bin ich schlauer. Beim nächsten Essen setze ich mich neben den Veganer der Firma: „Hab gehört du bist Veganer? Also ich konsumiere auch nicht viele Milchprodukte!“

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