Die Sache mit dem Gewissen

Ich lass‘ beim Zähneputzen ständig warmes Wasser laufen
Und muß Getränke ab und zu in Einwegflaschen kaufen.
Logisch, Organisch-Bio-Bodenhaltung will ich ja,
Nur leider sind andere Methoden deutlich billiger. (Fanta 4)

Gibt es eine moralische „Ich komme aus dem Gefängnis frei“ Karte??? Da ist dieses Ding mit dem Gewissen, was dir permanent die Laune verderben kann. Die meiste Zeit des Tages stehen wir glücklicherweise unter einer dermaßenen medialen Dauerflut sinnloser Informationen, dass sich Verstand und Gewissen gerne schon mal für eine Zeit verabschieden. Doch in stillen Momenten weißt du, dass diese Stimme im Gehirn ethisch betrachtet irgendwie immer Recht hat und dir leider sehr genau sagt, was richtig und falsch ist. Das Dumme ist nur, dass sich diese Erkenntnis nicht unbedingt gut anfühlt. Und wenn dir etwas Schmerzen bereitet, muss du Wege finden, wie es dir wieder besser geht. An diesem Punkt kommt das Karma-Konto auf den Plan. Es ist ein einfaches System, eine gewisse Anzahl „guter Taten“ stellt dir einen Freifahrtschein aus, dich ab und an mal wie ein Arschloch aufzuführen. Und immer wenn du dich an diesen schlechten Tagen ertappst, kannst du deiner Stimme im Kopf deine Bilanz zeigen und sagen „Ja aber, ich hab ja auch …“ und schon kommst du aus deinem moralischen Gefängnis frei.

Dieses Verfahren ist im Alltag wirklich universal anwendbar.  Immer wenn etwas finanziell Gutes passiert, fließt ein Teil davon an ein Projekt und schon ist das Karma wieder im Gleichgewicht. Ich achte bei jedem Weg zur Arbeit darauf, den einen oder anderen Abbieger vorzulassen, um im nächsten Augenblick jemanden völlig gelassen die Vorfahrt zu nehmen. Im Einkaufkorb kuscheln die regionalen Kartoffeln  mit der Flugananas, die Weidemilch von Bergbauern mit der Palmöl-Margarine von Unilever und auch die Plastikverpackung wird irgendwie von ihrem Bio-Tomaten-Inhalt gerechtfertigt.

Seit einigen Jahren begrüßt mein Kleiderschrank nur noch ethisch vertretbare Neuzugänge – also auf jeden Fall was Hosen, T-Shirts und Co. angeht. Natürlich getriggert durch das Unglück in Bangladesch, denn irgendwie braucht man ja doch immer einen Vorfall, der einem klar macht, dass ein fünf Euro Oberteil nicht unbedingt unter den besten Arbeitsbedingungen entstanden sein kann. Es gibt dadurch um einiges weniger neue Klamotten, dafür verschafft mir jeder Klick des Bestellbuttons auf der Fair-Wear-Plattform meines Vertrauens gleich ein dickes Plus auf dem Konto. Geliefert wird alles mit DHL GoGreen, nur alleine das Symbol suggeriert mir, dass  meine Ware CO2 neutral von Hase und Igel persönlich an meine Haustür gebracht wird und keinen negativen Impact auf meine Bilanz hat. In diesem Moment fühle ich mich wie der Held der Welt. Ich kann mir wieder beruhigt eine Dokumentation über die Arbeitsbedingungen von Nähern in Entwicklungsländern ansehen, ohne mich auch nur im Geringsten schuldig zu fühlen. Als ich jedoch auf meinen Neuerwerb von Socken schaue, die sich auf dem Sofa stapeln, klopft ganz leise wieder die kleine Gestalt an meine Hirnrinde. Das 5er Pack für zehn Euro vom Wühltisch im Supermarkt. Die wurden natürlich damals in dem Beitrag über den Brand nicht erwähnt. Schnell verrechne ich das gedanklich mit dem letzten Pullikauf. Als die Stimme in meinem Kopf sich noch nicht völlig zufrieden gibt, tausche ich sicherheitshalber die Reportage im Fernsehen gegen ein leichteres Unterhaltungsprogramm – ist ja nen Ding – Brangelina haben sich getrennt.

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