Herrenwitz

„Wir leben in nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist
Doch wenn man ihn nur gut genug erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist“ (Jennifer Rostock)

In einer Welt in der Emanze als Schimpfwort gilt, verursacht ein Wort wie „Frauenpower“ akuten Würgreiz bei mir. Auch in Europa ist es in der gesellschaftlichen Entwicklung noch gar nicht so lange her, dass Frauen die gleichen Rechte haben. Es ist kaum zu begreifen, dass selbst die Schweiz, unser direktes Nachbarland, erst in den 1970er Jahren das Stimmrecht für Frauen eingeführt hat. Generationen von Heldinnen füllten die Straßen, damit die Frau sich aus der Käfighaltung der drei Ks – Kirche, Küche, Kinderein Stück weit befreien konnte.

Und was bringt unsere Generation hervor? „Frauenpower“ Würg!!! Vielleicht hatte das Wort irgendwann mal einen positiven Ursprung, aber die meisten scheinen den Punkt verpasst zu haben, an dem es zu einem Zückerchen für Bagatelle, verabreicht durch die Männerwelt, verkommen ist. Welches weibliche Wesen kennt das nicht: Du trägst mit deiner Freundin eine Kiste Bier ins Haus und erntest von deinem Nachbarn „Frauenpower“; Du wechselst selber deine Reifen – „Frauenpower“; Du beginnst mit deiner Arbeitskollegin ein Projekt – „Frauenpower“. Das Wort suggeriert, du hättest deinen Tagesbeitrag zur Emanzipation geleistet, in Wirklichkeit ist es die Überschrift für dein eigenes Freigehege. An diesem Ort bist du keine Rebellin, sondern mann lässt dich gewähren. Es ist ein Ort an dem wir unter Kontrolle sind, unsere persönliche Matrix. In diesem Freigehege darfst du dir selber einreden, dass du deine Frau stehst und wirst mit ein paar Schulterklopfern von der Tatsache geblendet, dass du doch nur weiter eine Marionette im Herrenkabinett bist – an etwas längeren Strippen. Eine frühere Abteilungsleiterin wurde sogar so ran gezüchtet, dass sie mich allen Ernstes von meiner Arbeit wegholen wollte mit den Worten: „Komm Frauenpower, wir kochen jetzt schnell den Kaffee für den Besuch von Herrn XY“. An dieser Stelle tut es mir um jeden einzelnen BH leid, der jemals aus Protest verbrannt worden ist.

Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der wir auf die Straße gehen müssen, das haben andere bereits für uns erledigt. Wir sollten uns nicht damit lächerlich machen, dass wir uns gegen die Ampelmännchen stellen. Aber wir sollten damit anfangen die erkämpften Rechte in unseren Alltag zu integrieren. Es fängt schon damit an, dass wir nicht Sätze verwenden wie „Mein Mann hilft auch im Haushalt mit“ – verdammte Scheiße, er macht die Wohnung ja auch mit dreckig. Mit ein bisschen weniger Stutenbissigkeit, etwas mehr generellem Misstrauen bei patriarchalischen Hierarchien und einer grundsätzlichen Selbstverständlichkeit bei dem Betrachten der eigenen Fähigkeiten und schon könnte es was geben, dass auch wir unseren Beitrag zum großen Ganzen leisten. Und sollte mich an dieser Stelle irgendwer Emanze nennen – sage ich „Dankeschön“ und als ebensolche trete ich euch in den Hintern, dann spürt ihr meine Frauenpower.

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