Sesshaft

„Ein Hund kann nicht krähn, ein Fisch kann nicht schrein
und ich kann nicht stehn bleibn, ich bin ’n rollender Stein“ (Peter Fox)

Sesshaft werden liegt so feste in unseren Genen verankert, dass es fast undenkbar ist, sich dieser Routine zu widersetzen. Schon in unserer Kindheit wachsen wir mit der Idealvorstellung auf, irgendwann eine feste geregelte Arbeit, eine eigene Familie und ein nettes kleines Heim zu haben. Es gibt in der gesellschaftlichen Norm überhaupt gar keine Alternative zu diesem Lebensstil. Das Modell hat Variationen. Es gibt den klassischen Vater – Mutter – Kind – Häuschenstil, abgewandelt mit Vater – Vater oder Mutter – Mutter, jeweils mit und ohne Kind oder auch mehr oder weniger erfolgreiche Karriere-Single-Penthouse-Haushalte. Egal für welchen Weg du dich entscheidest, am Ende steht die Sesshaftigkeit als ultimatives Ziel. Also beendest du deine Schule, suchst dir einen Job, hast deine eigene Wohnung – der Pfad ist eingeschlagen.

Doch nur weil man etwas macht, was der Norm entspricht, muss es sich für einen selber nicht richtig anfühlen. Immer wieder meldet sich diese fiese kleine Stimme in deinem Kopf, die dir sagt, dass es das noch nicht ist. Dass du nur noch an einer kleinen Stellschraube drehen musst, damit es perfekt wird. Es ist das Gleiche als wenn du an so hinterlistigen Abenden deine optimale Schlafposition suchst, obwohl du eigentlich gar nicht müde bist. Du liegst gemütlich im Bett (oder redest dir das auf jeden Fall ein) und eigentlich solltest du dir ein entspanntes High Five mit dem Sandmännchen geben können – eigentlich. Doch plötzlich merkst du wie dein linker Arm versucht vor dir einzuschlafen, über Minuten probierst du den Zustand zu ignorieren und doch noch den Wettkampf zu gewinnen, bist du resigniert und wach deinen Arm zurechtrutschst. Du zwingst dir den Gedanken auf, dass es jetzt noch gemütlicher ist als vorher und suhlst dich darin. Doch kurz vorm vermeintlichen Wegschlummern merkst du, dass deine Decke ein Stück Bein von dir freigelegt hat und die Schlafzimmertemperatur böse auf deiner Haut zu spüren ist, in deinem Kopf spukt es „Ignorieren, Ignorieren, Ignorieren“ – doch die fiese Stimme ist lauter als deine eigene und du rückst genervt alles wieder an seinen Platz. Du hörst in dich hinein, was sonst noch alles nicht stimmen könnte.

Genauso ist es mit dem sesshaft werden. Du wechselst die Wohnung, in meinem Fall fast zehnmal in zehn Jahren, du versuchst neue Städte, neue Einrichtungsstile, jedes Mal mit dem Glauben, dass dich die nächste Veränderung der Sesshaftigkeit ein Stück näher bringt. In der Umschwungsphase ist alles spannend, doch kaum hast du alles fertig und wartest auf das unglaublich erlösende Gefühl der Sesshaftigkeit, da klopft die Langeweile wieder an deine Tür. Aber sie kommt nie alleine, sondern sie hat auch immer ein paar neue Ideen als Geschenk dabei und wenn du nur das Richtige aufmachst wird es perfekt. Nach einer Menge Nieten, packte ich mein bestes Geschenk aus – ein Rucksack, eine Abmeldung vom Einwohnermeldeamt und eine Weltkarte. Die kleine fiese Stimme stimmte zu einem fröhlichen Lied an. Manchmal liegt das Stetige im Unstetigen. Vielleicht sind manche Menschen gar nicht sprunghaft, weil sie noch nicht ihren Weg gefunden haben, sondern einfach, weil sprunghaft ihr Weg ist. Denn mit jeder Reise kann ich sagen: „Jetzt ist es perfekt“. Aber irgendwann, wenn ich mal wirklich alt bin, werde ich bestimmt so richtig sesshaft 🙂

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